„Dass sich Journalisten häufig wenig mit dem Netz auseinandersetzen, ist nicht nur ein Generationenproblem“

Stephan Dörner, Techredakteur beim Wall Street Journal Deutschland, gibt im Interview mit ResponseSource seine Einschätzung zur Bedeutung des Netzes für Journalisten in Deutschland und im internationalen Vergleich. Außerdem spricht er mit uns über Finanzierungsmöglichkeiten von Onlinejournalismus und die Grenzen von Crowdfunding und berichtet von seinen Erfahrungen mit ResponseSource. 

Stephan Dörner

Stephan Dörner

ResponseSource: Herr Dörner, unsere Ende Mai veröffentlichte Studie „Medienmacher 2014 – Recherche, Qualitätsanspruch und Finanzierung im digitalen Alltag“, an der über 1.300 Journalisten teilgenommen haben, kam zu einem zentralen Ergebnis: Journalisten in Deutschland schöpfen das Potential des Internets zur Recherche und Verbreitung von Inhalten bei weitem nicht voll aus. Auf Sie scheint dies nicht zuzutreffen: Sie sind Techredakteur beim Wall Street Journal Deutschland, twittern seit 2008 und bloggen seit 2012 über Onlinejournalismus. Sind Sie eine Ausnahme oder Vorreiter einer neuen Generation von Medienmachern?

Stephan Dörner: Gerne wird das als Generationenproblem gesehen – leider gibt es aber auch viele Journalisten meiner Generation oder sogar jüngere, die wenig bis nichts mit den Mechanismen des Netzes anfangen können, obwohl sie es tagtäglich benutzen. Manche weigern sich sogar geradezu stolz, sich mit „dem Internet“ auseinanderzusetzen. Falsch finde ich auch den Ansatz, einen „Internet-Experten“ in einer Redaktion zu benennen, der sich dann um Verbreitung und Feedback im Netz kümmert. Langfristig muss es sich hier um eine Dimension einer journalistischen Geschichte handeln, die jeder Journalist gleich mitbedenkt – denn er oder sie kennt sich jeweils am besten mit der Materie aus. Um es kurz zu machen: Dass sich Journalisten häufig wenig mit dem Netz und seinen Mechanismen auseinandersetzen ist nicht nur ein Generationenproblem. Es wäre schön, wenn das so wäre – dann würde sich das Problem mit der Zeit von alleine lösen. Ich blogge übrigens schon deutlich länger, bin aber froh, dass meine ersten Blog-Versuche heute nicht mehr so einfach aufzufinden sind. 😉 

ResponseSource: In Großbritannien verbreiten einer Studie von 2013 zufolge über 70% der Journalisten eigene Inhalte auf Twitter, weltweit sind es 59%. Deutschland ist im internationalen Vergleich relativ weit abgeschlagen, denn hier nutzen nur 35% der Journalisten persönliche Twitter-Accounts. Warum ist das so?

Dörner: Twitter genießt in Deutschland auch in der Gesamtbevölkerung einen weitaus kleineren Stellenwert als in fast allen anderen westlichen Staaten. Dafür ist Twitter unter deutschen Journalisten sogar noch relativ beliebt. Ich vermute in Deutschland vor allem kulturelle Gründe dafür, dass Twitter nicht zum Massenmedium wurde. In den USA oder Großbritannien beispielsweise gehört es zur öffentlich gelebten Demokratie einfach dazu, dass man auch öffentlich zu seiner Meinung steht – man denke nur an die öffentliche Unterstützung von Präsidentschaftskandidaten in US-Vorgärten durch Wahlplakate, was in Deutschland undenkbar ist. Dementsprechend hält man sich in Deutschland auch mit öffentlichen Meinungsbekunden online zurück und ist hier etwas ängstlich. Für Journalisten gilt das in der Regel weniger – aber da weniger potenzielle Follower auf Twitter vorhanden sind, sind andere Social-Media-Verbreitungswege wie Facebook hierzulande lohnender.

ResponseSource: In einem Interview zum Thema Onlinejournalismus haben Sie Journalismus einmal so definiert: „[…] Journalisten haben die Aufgabe, das was in der Welt passiert – in der Gesellschaft, der Politik, der Wirtschaft – so aufzuschreiben, dass daraus Geschichten werden, dass es erfassbar wird. Das heißt, sie müssen Komplexität reduzieren und haben damit eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, weil man da etwas weglassen muss. Dann sehe ich die Aufgabe des Journalisten so, dass er nichts Wesentliches weglässt,  dass er alle relevanten Seiten anfragt und ihre Sicht der Dinge darstellen lässt und somit auf verantwortungsvolle Weise die Komplexität, die wir nicht erfassen können, soweit runterbricht, dass sie für jemanden erfassbar ist, der sich nicht jeden Tag mit diesem Thema beschäftigt.” Was ändert sich an der Definition, wenn man „Journalismus“ durch „Onlinejournalismus“ ersetzt?

Dörner: An der Aufgabe des Journalismus ändert sich dadurch, dass das Wort „Online“ davorgestellt wird, aus meiner Sicht gar nichts. Lediglich die Darstellungsformen und Möglichkeiten erweitern sich – werden heute aber noch wenig genutzt. Komplexität lässt sich beispielsweise sehr gut durch das Herunterbrechen auf visuell erfassbare Grafiken darstellen. Vieles lässt sich durch Grafiken viel leichter erfassen als durch Text – und indem diese interaktiv gestaltet werden, können Leser genau das erfahren, was sie interessiert. Das bietet auch ganz neue Möglichkeiten: So können Leser beispielsweise Aspekte in Daten finden, die den Journalisten durchgerutscht sind.

ResponseSource: 38% der in unserer Studie befragten Journalisten haben angegeben, dass sie für die Online-Ausgabe ihres eigenen Mediums kein Geld zahlen würden, nur 40% haben überhaupt schon einmal für journalistische Online-Inhalte bezahlt. Wie lässt sich heute in Deutschland guter Onlinejournalismus finanzieren?

Dörner: Das ist die größte Herausforderung des Journalismus derzeit überhaupt. Die Zahlungsbereitschaft in Deutschland ist nicht hoch – insbesondere nicht für „Allerweltsinformationen“, die es überall gibt – also die Art von Nachrichten, die Agenturen typischerweise abdecken. Das Internet hat Informationen zu einem Gut gemacht, das im Überfluss vorhanden ist – dementsprechend sinkt nach dem marktwirtschaftlichem Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage der monetäre Wert. Medien können darauf reagieren, indem sie sich beispielsweise spezialisieren – und in ihrer Nische dann doch wieder Leser finden, die bereit sind für die Informationen zu bezahlen. Auf internationaler Ebene funktioniert das beim Wall Street Journal sehr gut. Auch bei Nutzwert-Informationen funktioniert das Bezahlmodell in Deutschland – zum Beispiel bei der Stiftung Wartentest – sofern es den Nutzern einfach gemacht wird, einzelne Beiträge für relativ wenig Geld zu kaufen. Ein anderer Ansatz wäre, nicht durch das Anbieten von Informationen versuchen Geld zu verdienen, sondern durch das intelligente persönliche Filtern – zum Beispiel mit einer App für Wirtschaftsnachrichten, die den Nutzer über die Unternehmen/Aktien/Devsien usw. informiert, die ihn interessieren – bei wichtigen Eilmeldungen auch per Push-Notification. Hier sehe ich noch keine ernsthaften Bemühungen der Verlage, diese neuen technischen Möglichkeiten zu nutzen und zu monetarisieren. Hoffnung setze ich auch auf eine Art „iTunes für Journalismus“ – eine standardisierte und einfache verlagsübergreifende Methode, Artikel zu bezahlen. Einige Hoffnung setze ich hierbei nach der Übernahme der Washington Post durch Amazon-Chef Jeff Bezos auf Amazon – immerhin haben sie bereits die Kreditkartendaten oder andere Zahlungsinformationen ihrer Kunden.

ResponseSource: Wie funktioniert das Bezahlmodell beim internationalen Wall Street Journal?

Dörner: Das internationale Wall Street Journal besitzt eine klassische Bezahlschranke nach dem Abonnenten-Modell, die aber im Vergleich zu ähnlichen Angeboten wie der New York Times recht hoch gezogen ist – sprich: die allermeisten Inhalte sind ohne Abo nicht zugänglich. Entscheidend, warum das im Falle des WSJ funktioniert, ist meiner Meinung nach aber nicht das Modell, sondern die Inhalte und die Zielgruppe: Mit den exklusiven Nachrichten aus der Wirtschaftswelt erhalten Marktteilnehmer und Manager echte auch im Einzelfall messbare Vorteile – und dafür sind entweder sie persönlich oder häufig auch ihr Arbeitgeber bereit, Geld zu bezahlen.

ResponseSource: Wie bewerten Sie im Zusammenhang von Finanzierungsfragen die Rolle von Crowdfunding und darüber finanzierten journalistischen Projekten?

Dörner: Crowdfunding kann ein Weg sein, Journalismus zu finanzieren – das zeigte der überragende Erfolg von De Correspondent in den Niederlanden und die erfolgreiche Finanzierung der Krautreporter in Deutschland. Allerdings kam die Finanzierung der Krautreporter nur mit einigen Großspenden von Stiftungen zustande, was dem Crowdfunding-Prinzip eigentlich etwas zuwiderläuft. Wenn es ein Projekt schafft, Nutzer zu begeistern, kann Crowdfunding funktionieren – aber ich sehe auch einige Probleme hier. Journalismus hat durch seine aufklärerische Wirkung einen positiven Effekt, beispielsweise für das Aufdecken von Skandalen, von dem die gesamte Gesellschaft profitiert. Dass beispielsweise ein Müllskandal in meiner Heimatstadt aufgedeckt wird – davon profitiere ich, ob ich das entsprechende journalistische Projekt finanziell unterstütze oder nicht. Ökonomen nennen das ein „Trittbrettfahrer-Problem“ – es fehlt zumindest der egoistische Antrieb, das Geld zu bezahlen. Und sollten crowdfinanzierte Journalisten beispielsweise sehr wichtige Informationen exklusiv recherchieren, werden diese Erkenntnisse sehr schnell auch von anderen Medien aufgegriffen, sodass ihre Leser ebenfalls profitieren – ohne zu Bezahlen. Der unbeschränkte Fluss von Informationen ist auch wichtig in einer freien Gesellschaft. Auch hier sehe ich ein Trittbrettfahrer-Problem. Crowdfinanzierter Journalismus funktioniert aus meiner Sicht daher vor allem für eine bestimmte Mediengattung: Die tief recherchierte Reportage. Für investigativen Nachrichten-Journalismus sehe ich dagegen – ähnlich wie bei anderen Paid-Content-Modellen – kein Modell in der Crowdfinanzierung.  

ResponseSource: Können Sie das nochmal genauer erklären: Warum eignet sich Ihrer Meinung nach das Crowdfunding-Modell nicht für investigativen Journalismus?

Dörner: Von investigativem Journalismus – dem Aufdecken von Skandalen, dem Recherchieren wichtiger Informationen, auf deren Grundlage Entscheidungen getroffen werden können – profitiert die gesamte Gesellschaft. Informationen zu recherchieren, ist aufwendig – sie zu verbreiten nicht. Im Internetzeitalter schmilzt sogar der Zeitvorsprung, den ein Medium erhält, weil es Informationen zuerst recherchiert hat. Wann immer also exklusive Nachrichten im Zentrum eines journalistischen Angebots stehen – keine Analyse, Meinung, atmosphärische Reportagen – macht das Internet dieses Geschäftsmodell schwieriger. Ist eine recherchierte Information nur interessant/relevant genug, wird sie von anderen Medien schnell aufgegriffen. Nutzer, die derartigen Journalismus per Crowdfunding finanzieren, haben also – anders als der klassischen Produktfinanzierung wie bei Kickstarter, bei denen der Nutzer das Produkt zum Vorzugspreis bekommt – keine direkte Belohnung im Gegenzug. Stattdessen profitieren von dieser Art des Journalismus sowieso alle – ob sie ihn mitfinanzieren oder nicht. Das Modell kann also nur funktionieren, wenn die Unterstützer dies in erster Linie aus idealistischen Gründen tun. Ich will nicht ausschließen, dass es genug Idealisten gibt, die willens und in der Lage sind, investigativen Journalismus zu finanzieren – aber das macht Crowdfunding schwieriger als bei herkömmlichen Kickstarter-Produkten wie der Pebble-Smartwatch, bei der jeder sofort sieht, was er im Gegenzug für seinen Beitrag erhält.

ResponseSource: Mehr als die Hälfte der in unserer Studie befragten Journalisten (61%) hat angegeben, häufig zu wenig Zeit für weitergehende Recherchen zu haben, dennoch macht erst eine Minderheit Gebrauch von Online-Recherchetools. Herr Dörner, Sie haben in Ihren Recherchen das Recherche-Tool ResponseSource eingesetzt. Können Sie interessierten Journalisten kurz den Weg Ihrer Anfragen bis zum fertigen Artikel beschreiben?

Dörner: Zwei Mal habe ich ResponseSource bisher genutzt – in beiden Fällen haben überwiegend Unternehmen geantwortet. Ich schildere einfach mal den jüngeren Fall, in dem ResponseSource zum Einsatz kam: Ich recherchierte im Nachgang des Twitter-Börsengangs zu dem Thema, was Twitter-Anleger am meisten interessieren dürfte, nämlich wie geeignet Twitter als Werbeplattform ist. Dazu interessierte mich speziell die Situation in Deutschland. Bei meiner Recherche fand ich sehr viele Unternehmen, die auf Werbung bei Facebook setzen – aber abseits weniger großer Dax-Konzerne wie BMW und Adidas niemanden, der schon einmal Twitter-Werbung ausprobiert hatte. Beide waren kaum gewillt mit mir darüber zu sprechen – ein Hinweis darauf, dass die Kampagnen nicht besonders erfolgreich verlaufen waren. Daher stellte ich eine Anfrage über ResponseSource, ob es Unternehmen gibt, die bereits Erfahrungen mit Twitter als Werbeplattform gemacht haben. Darauf meldeten sich dann tatsächlich einige Unternehmen – und die hatten tatsächlich eher ernüchternde Erfahrungen mit Twitter als Werbeplattform gemacht. Von der Online-Shopping-Plattform Ladezeile kam so beispielsweise folgendes Zitat, das ich im Artikel verwenden durfte: „Wir haben unsere Aktivitäten bei Twitter stark reduziert, weil es hier zu keiner Interaktion mit den Followern kam“ – eine erstaunlich klare Aussage. Den Artikel können Sie hier lesen: „Twitter-Werbung in Deutschland kommt kaum vom Fleck

ResponseSource: Und zum Schluß: worauf müssen sich Ihrer Meinung nach Medienmacher in Deutschland in den nächsten Jahren gefasst machen, worauf können sie sich freuen?

Dörner: Gefasst machen müssen sie sich wohl oder übel wohl darauf, dass es in Zukunft noch weniger professionelle Journalisten geben wird, die von ihrer Arbeit leben können. Die goldenen Zeiten des Print-Journalismus sind vorbei und werden auf absehbare Zeit nicht wiederkommen. Freuen können sie sich darauf, in einer der spannendsten Branchen überhaupt zu arbeiten, die durch die Digitalisierung kräftig durchgeschüttelt wird – und dabei auch sehr viel Neues entstehen lassen wird. Das Neue kommt dabei nicht unbedingt von den Verlagen – aber warum sollen Journalisten nicht künftig auch von Start-ups bezahlt werden?

Ein Kommentar zu “„Dass sich Journalisten häufig wenig mit dem Netz auseinandersetzen, ist nicht nur ein Generationenproblem“

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