„Der vermeidbarste Fehler ist schlechte Vorbereitung“

Tim Farin ist freier Journalist und gibt Seminare zum Thema Interviewführung

Freier Journalist Tim Farin

Journalisteninterview: Tim Farin, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Deutschlandfunk

Tim Farin gibt Seminare zur Interviewführung und schreibt als freier Journalist unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und den Deutschlandfunk. Wir sprechen mit ihm über Recherchetechniken und machen uns Notizen zu seinen Interviewtipps.

Sein interessantestes Interview: „Ich kritisiere Allah ohne Rücksicht auf Tabus“ mit dem verstorbenen Ralph Giordano.

Sie geben in der Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage (ABZV) Volontären Seminare zum Thema „Interviewführung“. Was sind Ihrer Meinung nach die grössten Fehler, die man als Fragesteller machen kann?

Der erste Fehler, der sich am leichtesten vermeiden lässt, ist schlechte Vorbereitung. Wer ein gutes Interview führen möchte, kann vorher eigentlich nicht genug recherchiert haben. Das hilft nämlich, einen weiteren großen Fehler zu vermeiden: Den Interviewpartner zu langweilen – und zwar schon zum Anfang des Gesprächs. Wer mangels Vorbereitung oder Gedanken ein Gespräch schlecht startet, muss damit rechnen, dass es hinterher kaum mehr zu retten ist. Ein weiterer Fehler, der uns allen ja immer wieder passiert: Sich volllabern lassen. Das mag im redigierten Ergebnis oft gar nicht so schlimm sein, im Gespräch läuft es aber auf Zeitverschwendung hinaus und auch darauf, dass wir kein Interview mehr führen, sondern einem Monolog lauschen.

Was raten Sie Ihren auszubildenden Journalisten zum Thema Recherche?

Ich rate dazu, in der Vorbereitung auf ein Interview möglichst viele Quellen anzuzapfen. Natürlich sind die wenigsten Wortlautinterviews investigativ angelegt, weil ja eine Autorisierung folgt. Aber etwas Spannendes dürfen sie schon ergeben. Damit das klappt, sollten wir vor dem Gespräch ein Gefühl für den Interviewpartner gewinnen. Das geht, wenn man mit anderen Journalisten spricht, die den jeweiligen Menschen kennen. Man kann natürlich auch Experten für den Hinterkopf interviewen, etwa ehemalige Mitstreiter, Widersacher oder auch Angehörige des Protagonisten. Auch bei Google findet man Spannendes, aber das ist eine Frage der Zeit und Verknüpfungen. Ich schaue mir auch gern an, wie sich eine Person in Sozialen Medien meldet. Sind die Beiträge dort von ihr selbst verfasst, kann man hier recht viel für die eigenen Fragen in Erfahrung bringen.

Leider bleibt Journalisten immer weniger Zeit für ein traditionelles Interview in Person. Welche Tipps haben Sie für ein Email-Interview?

Das finde ich schwierig. Ich würde immer dazu raten, das Interview vis-à-vis zu versuchen oder zumindest am Telefon zu führen. Das Zwischenfragen, Nachfragen ist für mich der eigentliche Dreh- und Angelpunkt eines Interviews. Wenn es aber schriftlich sein muss, hätte ich die Idee, dass man die Fragen nicht am Block schickt, sondern ein E-Mail-Gespräch führt. So wird es statt eines Fragebogens eine Konversation. Es gab dazu mal ein wunderbares Beispiel: Die Süddeutsche Zeitung brachte vor zwei Jahren ein enorm unterhaltsames Interview mit Walter Moers, dem Erfinder des Käpt’n Blaubär, mit dem Titel „Meine Lügen sind die Besten“.

Sie haben kürzlich den Rechercheservice ResponseSource benutzt, hat Sie das Ergebnis überrascht?

Ich war zunächst einmal überrascht über die schiere Anzahl von Rückmeldungen. Da kam sehr schnell sehr viel zurück, worauf ich gar nicht vorbereitet war. Offen gestanden bin ich ein wenig ins Hintertreffen geraten, weil ich kaum in der Lage war, auf alle Rückmeldungen angemessen zu antworten. Es gab schnell sehr passende Rückmeldungen, es gab aber auch manche, bei denen ich den Eindruck hatte, dass sie hier auf die harte Tour versuchen, ihren Namen in ein renommiertes Medium zu bringen. Ich werde das Tool sicher öfter nutzen, muss aber aufpassen, dass ich bei der Eingrenzung der Anfrage ein noch klareres Bild der gewünschten Gesprächspartner schaffe.

Welches Interview, das Sie geführt haben, war für Sie besonders interessant und warum?

Ich erinnere mich immer wieder gern an ein Interview, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen Christian Parth im Jahr 2007 mit dem inzwischen verstorbenen Ralph Giordano führte. Es ging damals um den Moscheebau in Köln und Giordano ließ sich mit der Überschrift zitieren „Ich kritisiere Allah ohne Rücksicht auf Tabus“. Da waren ein brisantes Thema und ein Intellektueller, der zwischen Büchertürmen in seiner Wohnung in Köln-Bayenthal saß und streitlustig auf unsere Fragen antwortete. Während des Termins klingelte nonstop das Telefon, Giordano war wegen seiner Thesen ein gefragter Mann. Die Autorisierung verlief ebenfalls bemerkenswert: Es gab Faxe mit wunderschöner Handschrift und spitzfindigen Anmerkungen, dazu klärende Telefonate. Das Ergebnis finde ich auch heute noch lesenswert.

Tim Farin twittert unter @stylesecure

Es gibt keine Kommentare zu diesem Blogeintrag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.