„Mich zieht es zu Geschichten mit großen Einfluss auf das Leben von Menschen“

Donna Ferguson schreibt als freischaffende Finanzjournalistin u.a. für The Guardian und The Sunday Times.

Donna Ferguson schreibt als freischaffende Finanzjournalistin u.a. für The Guardian und The Sunday Times.

Journalistenprofil: Donna Ferguson, Freie Journalistin für The Guardian, Sunday Times und weitere

Die mehrfach ausgezeichnete britische Journalistin Donna Ferguson hat sich nach einem Studium der Anglistik auf Finanzthemen spezialisiert. Als freie Journalistin schreibt sie unter anderem für The Guardian und The Sunday Times über die Cyber-Sicherheit von Banken, gibt Verbrauchern Ratschläge für die private Finanzplanung und interviewt Promis zu ihren persönlichen Geldsorgen. Im Interview teilt sie Tipps für die Recherche und den Aufbau von Netzwerken als Wege zum journalistischen Erfolg.

Frau Ferguson, Sie haben in den letzten zwei Jahren fünf britische Journalistenpreise gewonnen und wurden gleich drei Mal als Financial Freelance Journalist of the Year ausgezeichnet. Welche Tipps haben Sie für angehende Journalisten?

Ich denke, die Hauptsache ist es sich Zeit zu nehmen, viel zu recherchieren – und einen erfahrenen Redakteur als Mentor zu haben, der einen unterstützen kann. Als freie Journalistin habe ich Glück, denn ich kann selbst entscheiden, wie viel Zeit ich meinen Artikeln widmen will. Freie Journalisten bekommen häufig Aufträge für sehr rechercheintensive Themen, für die festangestellte Redakteure oft keine Zeit haben, da sie wie am Fließband Inhalte bringen müssen.

Wenn Du eine gute Idee hast, kann dich das an Orte führen, die Du nicht erwartet hast, du musst in der Lage sein, mit dem Strom zu schwimmen, zuhören, was die Menschen, die du interviewst, sagen und darauf gefasst sein, dein gesamtes Vorgehen im Zweifelsfall auch nochmal über Bord zu werfen und neu zu beginnen. Manche der Artikel, für die ich Preise gewonnen habe, beinhalten zwei oder drei Zitate aus Gesprächen, die eine halbe oder ganze Stunde gedauert haben. Ich habe auch eine sehr gute Arbeitsbeziehung zur Leiterin des Guardian Money Online-Ressorts, Hilary Osborne, selbst eine preisgekrönte Journalistin. Das macht einen großen Unterschied. Wenn sie meine Arbeit kritisiert oder mich nach diesem und jenem fragt, weiß ich, dass es meinen Artikel nur verbessern wird, wenn ich ihren Rat befolge. Ein guter Mentor ist die versteckte Person hinter einem preisgekrönten Journalisten, deswegen bekommt sie immer eine Flasche Champagner von mir, wenn ich einen Preis gewinne!

Sie haben einen Abschluss in Anglistik von der King’s College Cambridge University. Wie kam es dazu, dass Sie sich jetzt finanziellen Themen widmen?

Ich wollte über etwas Nützliches schreiben. Ich kam zum Journalismus, weil ich wusste, dass ich schreiben will, aber nicht, worüber. Ich habe bei verschiedenen Magazinen ein paar Arbeitserfahrungen gesammelt und eines bat mir einen Job an. Es war ein Wirtschafts-Magazin, intellektuell anregend, aber ein Nischenmagazin. Ich wollte über Menschen schreiben und die wirklichen Probleme, die sie beschäftigen, ohne mich dabei zu sehr in ihre Privatsphäre einzumischen. Ich hab das „Witwenschütteln“ gemacht – man geht zu jemandem nach Hause, dessen Verwandte gerade erst verstorben sind, und bittet um ein Interview. Es war furchtbar und ich wollte das nie wieder machen.

Das Wunderbare am Thema private Finanzplanung ist, dass man Menschen wirklich dabei helfen kann, nicht ausgebeutet zu werden, richtig zu investieren und für ihre Verbraucherrechte einzustehen. Es ist ein spannendes und persönliches Thema, ohne dass man dabei zu sehr in das Leben anderer Leute eindringt. Die Artikel schaffen es auf die Titelseiten von Zeitungen und beeiflussen viele Bereiche unseres täglichen Lebens. Wer hat schon keine Geldsorgen? Man muss kein Experte sein, um über persönliche Finanzen zu schreiben – man muss nicht mal gut in Mathe sein! Was nötig ist, ist die Fähigkeit, sich in andere Menschen hinein zu versetzen und  zu verstehen, wie Geldsorgen ihr Leben beeinflussen.

Warum haben Sie Sich dazu entschieden, als freie Journalistin tätig zu sein? Was denken sie, sind die Vor- und Nachteile im Gegensatz zu der Arbeit in einer Redaktion?

Ich habe mich dazu entschlossen, als freie Journalistin tätig zu sein, nachdem meine Tochter zur Welt kam, so dass ich wenigstens ein paar Tage in der Woche mit ihr verbringen kann. Ich hatte wirklich Angst, ich würde meine Karriere aufgeben, als ich meine Stelle als Redakteurin einer Finanz-Website kündigte. Aber Dank der Erfahrungen, die ich über die letzten sechs Jahre gesammelt und Dank der Kontakte, die ich aufgebaut hatte, wurde mir sofort vom Guardian angeboten, über persönliche Finanzen zu schreiben. Dann, sobald ich einige Preise gewonnen hatte, meldeten sich Redakteure aus den Finanzressorts anderer großer überregionaler Zeitungen und großer Webseiten und gaben mir Aufträge. Mittlerweile kenne ich fast alle und schreibe auch für fast alle. Das ist wunderbar und gibt mir ein sichereres Gefühl, als nur für einen Kunden zu schreiben.

Der größte Vorteil ist die Freiheit. Jetzt, da ich meine eigene Chefin bin, schreibe ich nur noch über die finanziellen Aspekte, die mich wirklich interessieren. Mich zieht es zu Geschichten, die einen großen Einfluss auf das Leben von Menschen haben. Denn Geld – oder auch der Mangel an Geld – beeinflusst so viele Entscheidungen, die wir täglich treffen.

Zum Beispiel habe ich neulich einen Artikel für den Guardian über die enormen Kosten von künstlicher Befruchtung verfasst. Ich habe jemanden getroffen, der £70,000 (etwa 97.000€) für elf Befruchtungen ausgegeben hat und immer noch kinderlos war. Ich habe über Sexismus im Bankenviertel Londons geschrieben und darüber, wie viel Taschengeld Eltern ihren Kindern geben. Außerdem versuche ich, jede Woche über ein eher lockeres Thema zu schreiben. Ich interviewe TV-Moderatoren zum Thema Finanzen für die Sunday Times und befrage Popstars zu Geldfragen für The Mail on Sunday. Das ist sehr interessant, weil diese Celebrities oft schockierend wenig über ihre persönlichen Finanzen wissen, obwohl sie Unsummen an Geld besitzen. Das macht es relativ einfach, an interessante Zitate zu kommen.

Der größte Nachteil als freie Journalistin ist, dass man keine Kollegen hat und kein Büro, in das man täglich geht. Ich vermisse das Selbstwertgefühl, das einem ein „richtiger Job“ und „richtige Kollegen“ geben (im Gegensatz zu einem Netzwerk von freien Journalisten, mit denen ich mich per E-Mail austausche), und natürlich ein festes Einkommen am Ende des Monats. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich viel weniger arbeite, aber für meine Mühe viel mehr belohnt werde als in meiner Zeit als festangestellte Redakteurin. Ich bin sehr froh darüber, meine eigene Chefin zu sein. Die Vorteile überwiegen die Nachteile deutlich. 

Deutsche Journalisten sind im Gegensatz zu ihren britischen Kollegen vergleichweise skeptisch gegenüber sozialen Medien und Online-Tools. Wie können Journalisten von der digitalen Welt profitieren?

Ich denke, Twitter ist für Journalisten sehr nützlich. Auf  frage ich unter dem Hashtag #journorequest oft nach Fallstudien oder Kommentaren, die ich für meine Artikel brauche, und knüpfe so neue Kontakte. Auf Twitter präsent zu sein, ist für mich als freie Journalistin eine tolle Möglichkeit. So finde ich Storys von anderen Journalisten aus meiner Branche und bleibe über die neuesten Themen auf dem Laufenden. Und man kann sich auf Twitter sehr gut mit anderen Journalisten vernetzen, indem man ihre Anfragen nach Fallstudien oder Informationen für Artikel oder einfach ihre Artikel retweetet. Ich habe einmal einen Auftrag bekommen, weil ich die Anfragen einer Redakteurin retweetet habe.

Sie benutzen die Rechercheplattform ResponseSource regelmäßig für Ihre Recherche. Wie hilft Ihnen die Plattform bei Ihrer Arbeit?

Online-Tools wie ResponseSource sind außerordentlich hilfreich. Es ist ein großartiger Weg, Experten zu erreichen, ohne selbst mühsam Kontakten nachjagen oder immer auf dieselben Kontakte zurückgreifen zu müssen. Man hat außerdem Zugang zu höchst relevanten Expertenkommentaren von vielen verschiedenen Leuten.

Wie wichtig ist es für unabhängige Journalisten, sich zu vermarkten?

Ich denke, man sollte auf jeden Fall in der E-Mail-Signatur für sich werben, mit der Twitter-Adresse, dem LinkedIn-Profil oder einem Link zur persönlichen Website. Es ist außerdem eine gute Idee, sich in Journalisten-Netzwerken zu engagieren. Ich bin Mitglied bei Women in Journalism in Großbritannien sowie bei der National Union of Journalists. Dennoch bin ich nicht sicher, ob Journalisten eine „Marke“ sein sollten. Ich denke, am wichtigesten ist es, professionell zu sein. Wenn man einen Artikel schreibt, geht es letzendlich um das Thema und die Menschen, über die man schreibt. Das ist das Wichtigste.

Donna Ferguson twittert unter @DonnaLFerguson.

Bild: Donna Ferguson

Es gibt keine Kommentare zu diesem Blogeintrag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *