„Konstruktiver Journalismus stellt sich den Problemen mit offenen Augen und wachem Verstand“

Perspective Daily Dr. Maren Urner

Dr. Maren Urner von Perspective Daily

Journalistenprofil: Dr. Maren Urner und Felix Austen von Perspective Daily – Für einen Journalismus, der fragt, wie es weiter geht.

Dr. Maren Urner ist promovierte Neurowissenschaftlerin und hat Perspective Daily gemeinsam mit Han Langeslag, Bernhard Eickenberg und Felix Austen ins Leben gerufen. Bis zum 28. März 2016 läuft die Crowdfunding-Kampagne, mit der PerspectiveDaily um Mitglieder für 42 Euro im Jahr wirbt. Dann will das neue Medium spätestens Anfang Mai durchstarten – für einen Journalismus, der fragt: Wie kann es weitergehen?

PD_LogoPerspective Daily will eine neue Form des journalistischen Arbeitens etablieren. Was genau versteht ihr unter „konstruktivem Journalismus“? Aus welcher Motivation heraus handelt ihr?

Felix Austen: Konstruktiver Journalismus stellt – vergleichbar mit der konstruktiven Kritik – nicht nur heraus, was schlecht läuft, sondern auch, was gut läuft. Wir wollen Lösungen diskutieren und aufzeigen, damit die Leser merken: Veränderung ist möglich! Es tut sich was! Ich kann etwas bewirken!

Dass das funktioniert, haben Theorie und Praxis gezeigt: Viele Studien belegen, dass konstruktive Berichterstattung zu weniger Ermüdung und Depression als negative Sensations-Berichterstattung führt. Stattdessen fühlen sich Leser ermächtigt und ermutigt. Das Weltbild der meisten Medien-Konsumenten ist derzeit nachweislich ins Negative verschoben, wie wir auch bei unseren Auftritten mit einem einfachen Test immer wieder feststellen konnten.

Maren Urner: Unsere Motivation ist es, Wandel anzustoßen. Nicht indem wir für bestimmte Lösungen die Werbetrommel rühren, sondern den Menschen an die Hand geben, was sie brauchen, um es selbst zu tun. Der Psychotherapeut und Autor Steve de Shazer: „Das Reden über Probleme schafft Probleme. Das Reden über Lösungen schafft Lösungen.“ Zahlreiche konstruktive Medien im Ausland, wie De Correspondent in den Niederlanden und Vox.com in den USA machen es bereits vor.

Seit einigen Jahren gewinnen journalistische Formate an Bedeutung, die über positive Neuigkeiten berichten. Wo liegt der Unterschied zwischen positivem und konstruktivem Journalismus?

Felix Austen: Wir grenzen uns klar ab vom positiven Journalismus. Wir wollen die Probleme der Welt nicht ausblenden und nur über Schönes berichten. Der konstruktive Journalismus ist ja gerade so nötig, weil wir vor vielen großen Herausforderungen stehen. Den Menschen zu erzählen, in der Welt herrsche Friede-Freude-Eierkuchen, bringt uns nicht weiter.

Konstruktiver Journalismus, wie wir ihn verstehen, stellt sich den Problemen mit offenen Augen und wachem Verstand: Wir wollen die Dinge in Ruhe analysieren und einordnen, statt mit Gewalt und Blut zu „locken“ und laut zu schreien, wie schlimm es ist, um am nächsten Tag die nächste Sau durchs Dorf zu jagen.

Maren Urner: Natürlich ist das überspitzt. Es gibt viele tolle Ansätze, auch im deutschen Journalismus und wir können uns da von einigen Medien viel abschauen und lernen. Aber der Trend geht unserer Auffassung nach leider in die falsche Richtung, gerade im Online-Journalismus. Der Vertrauensverlust des Journalismus und die „Lügenpresse“-Debatte sehen wir als Beleg dafür. Es gibt eine zunehmende Entfremdung zwischen den Medien und ihren Konsumenten. Das gefährdet eine breit informierte Öffentlichkeit, da sich zunehmend mehr Menschen einseitig informieren – nicht selten über fragwürdige Quellen.

Auch hier stellt sich also die Frage: „Wie kann es weitergehen?“ Wir wollen schauen und diskutieren, welche Lösungen die Geschichte, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und Visionäre bereithalten. Häufig können sie umgesetzt werden und sind bereits erprobt – auf jeden Fall aber vermitteln sie: Es geht auch anders. Konstruktiver Journalismus ist der Gegenentwurf zur „Alternativlosigkeit“.

Frau Dr. Urner, Sie sind promovierte Neurowissenschaftlerin: Was haben Neurowissenschaften und Journalismus gemeinsam?

Maren Urner: „Gemeinsam haben“ ist hier vielleicht der falsche Ausdruck. Es geht eher darum, dass sie etwas miteinander zu tun haben und wir neurowissenschaftliche Erkenntnisse für unser journalistisches Projekt nutzen. Beispielsweise die, dass die Aktivität in unserem Gehirn zum aktuellen Zeitpunkt immer unsere Wahrnehmung und damit auch unsere aktuellen Erfahrungen beeinflusst. Und anders herum gilt dieser Zusammenhang auch: Unsere Erfahrungen beeinflussen die Aktivität in unserem Gehirn, und damit auch unsere Wahrnehmung, zu jedem bestimmten Zeitpunkt.

Auf der Verhaltensebene – also eine Bewusstseinsebene höher – steht dies im Zusammenhang mit Gewohnheiten und Erwartungshaltungen, die uns stark prägen. Werden wir überrascht, ändert das auch unsere Gehirnaktivität und damit das Muster der Gewohnheit, das der Erwartung zu Grund liegt. Mit Perspective Daily wollen wir genau diese Momente des Überraschens kreieren. Dafür bedarf es jedoch der Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen und alte Gewohnheiten zu hinterfragen.

Auch die grundsätzliche Arbeitsweise im Journalismus und in der Wissenschaft ist sich sehr ähnlich: In beiden Fällen geht es darum, sich mit einem Fachgebiet auseinanderzusetzen, die wichtigen Fragen zu stellen und auf Antwortsuche zu gehen, entweder empirisch oder theoretisch.

Ihr sagt selbst: Zukunftsorientierte Ansätze müssen Spaß machen, damit sie auf breiter Ebene angenommen werden. Wie wollt ihr viele Menschen für recht komplexe Themen und Lösungsansätze begeistern?

Felix Austen: Zunächst müssen die Basics stimmen: Get the facts right! Aber was sind eigentlich Fakten? Leider ist das oft wesentlich schwieriger, als es klingt – denn alles, was über sehr einfaches Faktenwissen hinausgeht, ist meist nicht klar zu nennen. Alle unsere Autoren haben auch wissenschaftliche Hintergründe und sind geübt im korrekten Umgang mit Daten und Quellen. Außerdem machen wir unsere Quellen transparent zugänglich. Auch eine einfache, klare Sprache ist uns wichtig.

Maren Urner: Bei der Darstellung geht es weiter. Da bauen wir auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse: Wir wählen ein einfaches, schlichtes Design, ohne blinkende Werbebanner oder sonstige Ablenkungen, sondern das zum Verweilen einlädt. Unsere Nutzer können das Aussehen nach eigenen Wünschen anpassen. Gute, sinnvolle und zum Teil interaktive Grafiken, Karten und Statistiken gehören ebenso zu unserem Ansatz wie Videos und spielerische Elemente, Quizze oder Ratespiele. Das aktiviert den Spieltrieb und steigert die Aufnahmefähigkeit. Um diesen hohen Ansätzen auch gerecht zu werden, brauchen unsere Autoren vor allem Zeit – und die bekommen sie. Etwa eine Woche pro Beitrag.

Alle Beiträge werden während der Entstehung immer kritisch konstruktiv vom Team begleitet – denn ein Team hat mehr Ideen und sieht mehr Fehler, als ein einzelner. Auch hier geben uns die Daten von anderen Projekten recht: Die Leser bezahlen und lesen häufiger fundierte, längere Beiträge, bei denen Überschrift und Inhalt zusammen passen.

Felix_Austen_blog

Felix Austen von Perspective Daily

Neben verschiedenen Herausforderungen weltweit befindet sich auch der Journalismus seit einigen Jahren in einer Krise. Wie sieht in euren Augen der Journalismus der Zukunft aus?

Felix Austen: Natürlich konstruktiv! Wir sehen, dass der Ansatz des konstruktiven und lösungsorientieren Journalismus derzeit international zunehmend diskutiert und angewendet wird. Deutschland ist da noch ein bisschen hinterher, aber mit Perspective Daily und anderen vielversprechenden Projekten wird sich das sicherlich bald ändern.

Wir wollen unseren Ansatz selbst vorleben und zeigen, dass es anders geht. Das bezieht sich auch auf unser Geschäftsmodell: Die meisten Verlage ringen um Anzeigenkunden und versuchen verzweifelt, im Netz Geld zu verdienen. Dabei folgen sie leider oft einer Abwärtsspirale: Reißerischere Überschriften sichern kurzzeitig mehr Klicks und Einnahmen, führen aber auf lange Sicht zum Vertrauensverlust.

Dazu kommt die große Frage zum Native Advertising und Sponsored Content. Mit einem festen Mitgliederstamm steht unsere Redaktion auf einer stabilen finanziellen Basis, die auch mittel- und langfristige Planungen zulässt. Der Austausch, der über den gleichzeitig gegründeten Perspective Daily Verein in Veranstaltungen und lebhaften Diskussionen im Online-Forum stattfinden soll, hilft uns dabei, ein Gefühl für unsere Mitglieder und Leser zu entwickeln und zu behalten. So geraten Klickzahlen in den Hintergrund, und was zählt ist der Impact und unsere Mitglieder.

Dass aus den noch zarten Trieben des konstruktiven Journalismus feste Stämme werden, hoffen wir natürlich sehr. Die „Krise“ eröffnet jedenfalls Räume, die besetzt werden können – aber nur, wenn der Versuch unternommen wird. Wir versuchen es!

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