„Zuschauer mögen es, wenn sie Menschen im Fernsehen sehen, mit denen sie sich identifizieren können.“

Johny Cassidy BBC

Johny Cassidy

Journalistenprofil: Johny Cassidy, BBC Business

Johny Cassidy ist Producer im Wirtschaftsressort der BBC, der BBC Business Unit. Neben der Planung von Content schreibt er gelegentlich für die BBC-Website. Seine Arbeit umfasst auch die Sendung ‚Inside Track‘ von Business Live, in der Unternehmer und Geschäftsführer aus internationalen Unternehmen über ihr Gewerbe und die Themen, mit denen sie konfrontiert werden, sprechen. Business Live ist ein tägliches Programm, das im BBC World News Service, dem kommerziell finanzierten internationalen Nachrichtensender des Medienunternehmens, ausgestrahlt wird. Wir befragten Johny zu seinen Aufgaben und zu seinem jüngsten Projekt, Disability Works im BBC Radio, TV und Web.

Wie würden Sie den Kanal BBC World News jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat?

Es überrascht mich schon manchmal, dass viele PR-Verantwortliche noch nie von BBC World News gehört haben. Es ist ein riesiger Kanal mit einem riesigen Publikum. Business Live, das Programm, an dem ich am meisten arbeite, wird auch auf dem BBC News Channel in Großbritannien ausgestrahlt. Im Wesentlichen ist BBC World News ein globaler Nachrichtensender, der sich vor allem mit Geschichten aus dem Ausland beschäftigt.

Finden Sie es schwieriger, britische Unternehmen für Interviews zu gewinnen, im Gegensatz zu Organisationen von Übersee, denen der Kanal vertrauter sein könnte?

Ich erhalte jede Woche Dutzende von Themenvorschlägen von britischen und ausländischen Unternehmen. Ich würde sagen, dass die Mehrheit von ihnen jedoch aus dem Vereinigten Königreich kommen. Der knifflige Teil ist es, sicherzustellen, dass die Geschäftsführer und Unternehmer, die ich in die Inside Track-Sendung einlade, auch für ein globales Publikum interessant wirken. Es ist schön, wenn eine kleine britische Firma in dem Programm erscheint, aber nur, wenn sie auch Interesse bei unserem globalen Publikum wecken kann. Ich bin sehr daran interessiert, mehr Themenvorschläge von ausländischen PR-Agenturen zu erhalten, die Firmen außerhalb Großbritanniens bedienen. Das Schwierige dabei ist aber, dass ich sie in unserem Studio in London für ein Live-Interview brauchen werde. Das passt natürlich gut, für Chefs internationaler Unternehmen, die sowieso durch London passieren, aber ich bin immer auch sehr daran interessiert, mit denen zu sprechen, die nicht so oft nach London kommen. Es liegt also immer daran, ob PR-Firmen aus Übersee die InsideTrackSendung kennen und wissen, dass es eine große Chance für Unternehmen bietet, ihre Arbeit vorzustellen.

Was möchte das Inside-Track-Interview seinen Zuschauern übermitteln?

Das ist immer schwierig zu beantworten. Oft werde ich gefragt, was einen idealen Inside Track Gast ausmacht. Die einfache Antwort darauf ist, wenn ich das Unternehmen interessant finde, dann wird es das Publikum hoffentlich auch interessieren. Ich hoffe immer, dass der Sendeplatz die Aufmerksamkeit von Leuten weckt, die nicht unbedingt Geschäftsleute sind. Menschen, die vielleicht beim Umschalten auf Business Live aufmerksam werden oder die das Programm im Hintergrund eingeschaltet haben, bevor sie auf die Arbeit gehen. Geschäftsführer oder Unternehmer die eine Geschichte zu erzählen haben, wie oder warum sie ihr Unternehmen gegründet haben funktionieren immer gut. Unterm Strich hoffe ich, Interesse bei den Zuschauern zu wecken und ihnen einen Einblick in ein Geschäft oder einen Sektor zu geben, den sie vorher nicht kannten. Ein gewisser „Wow“-Effekt, der im Gedächtnis der Zuschauer hängen bleibt.

Können Sie irgendwelche besonders unvergesslichen Auftritte nennen, z. B. die größte Persönlichkeit oder das interessanteste Unternehmen, von dem wir noch nicht gehört haben?

Ich bin nicht unbedingt auf der Suche nach großen Namen, obwohl wenn Tim Cook oder Mark Zuckerberg kommen würde, würde ich sicherlich nicht Nein sagen. Es hat seit Beginn Dutzende von großartigen Gästen in der Sendung gegeben. Ein unvergesslicher Gast war ein Mann, der in Frankreich eine massive Baufirma besitzt. An sich nichts herausragendes, aber er war ein syrischer Beduine, der als Kind aus seiner Familie geworfen wurde, nachdem seine Mutter gestorben war. Er war sehr bildungshungrig und musste für seine Bildung hart kämpfen. Er wurde von einer französischen Familie adoptiert und gründete sein Geschäft in Frankreich mit nichts mehr als einer Schubkarre. Sogar jetzt sagt er, dass er sich daran erinnert, wie es war, vor dem Nichts zu stehen und leitet seine Firma mit diesem Gedanken im Hinterkopf. Er stellt sicher, dass seine Mitarbeiter gut betreut werden. Es ist so eine Art Geschichte, die wirklich hervorsticht. Von so einer Geschichte werden die Zuschauer hoffentlich auch ihren Freunden und Familien erzählen.

Gibt es bestimmte Unternehmen oder Geschäftsleiter, die Sie gerne als Gast für Inside Track gewinnen würden? Oder im breiteren Sinn, gibt es bestimmte Arten von Unternehmen oder Gewerben, die Sie gerne vorstellen würden?

So sehr ich das Wort „disruptiv“ verabscheue, faszinieren mich Unternehmen, die das traditionelle Modell erschüttern. Ich mag Querdenker, die innovative Lösungen für Probleme finden, denen wir uns vorher nicht einmal bewusst waren. Technologie ist faszinierend. Wir hatten vor kurzem einen Chef eines britischen IT-Unternehmens in der Sendung, der ein mobiles DNS-Sequenzierungsgerät entwickelt hat. Dieses wird jetzt eingesetzt, um Krankheiten in den Entwicklungsländern zu bekämpfen. Ich finde so etwas faszinierend und inspirierend. Es gibt so viele verschiedene Unternehmen, die Dinge entwerfen, die uns letztendlich allen helfen könnten. Es sind diese Firmen, mit denen ich reden möchte.

Sie schreiben auch für die BBC News Website – genießen Sie das eine mehr als das andere?

Ich habe schon immer gerne geschrieben. Die Wahrheit ist allerdings, dass das Schreiben für die Website nur eine meiner Nebenaufgaben ist. Wenn ich aber auf einen Unternehmensleiter stoße, den ich für den Business Index der Website gut finde, schreibe ich dies auf. Es gibt so viele tolle erzählenswerte Geschichten darüber, wie Menschen ihr Unternehmen aufgebaut haben und zudem ist es wie gesagt auch gut, ein weniger wirtschaftsaffines Publikum zu erreichen. Ich hatte im vergangenen Jahr den brillianten Leiter eines Teeunternehmens in der Sendung. Er begann seine Karriere vor Jahren als Tee-Käufer für ein globales Unternehmen. Er kaufte seine eigene Teeplantage in Indien und machte sich daran, alles über Tee zu erfahren, was es zu wissen gibt. Er wurde zum Tee-Enthusiast. Das war eine Geschichte, die ich wirklich für die Website festhalten wollte. Er hatte eine so sanfte spirituelle Art, die sich in seiner Liebe zum Tee widerspiegelte. Die Story kam auf der Website wirklich gut an und erreichte wiederum ein vielseitiges Publikum, das über das Wirtschaftsressort hinausgeht.

Anfang dieses Jahres führte einer Ihrer Themenvorschläge zu einer ziemlich unglaublichen Woche der Berichterstattung auf allen BBC-Kanälen. Wie kam dies beim Publikum an?

Die ganze „Disability Works“-Woche war großartig. Ich hatte das Thema zunächst als eine Möglichkeit vorgeschlagen, zu zeigen, wie für viele Menschen mit Behinderungen, Unternehmertum ein Weg ist, unabhängig zu arbeiten und gleichzeitig ihren Zustand im Griff zu haben. Wenn man sein eigener Chef ist, kann man seinen Alltag freier gestalten, als dies in einer Festanstellung möglich ist. Sobald ich damit begonnen hatte, war es erstaunlich, wie viele Menschen sich in dieser Lage befinden. Es war auch ein Weg, um ein vielfältiges Publikum zu erreichen. Zuschauer mögen es, wenn sie Menschen im Fernsehen sehen, mit denen sie sich identifizieren können. Es ist toll für die Leute zu erkennen, dass Unternehmertum durchaus eine Lösung für Menschen mit Behinderungen ist. Die Resonanz war fantastisch. Der Hashtag #disabilityworks fand in den sozialen Medien viel Widerhall, was bedeutete, dass viel mehr Menschen den Content zu sehen bekamen, der über die Woche produziert wurde. Das Feedback, das ich bekam, war auch phänomenal. So viele Menschen kontaktierten mich mit ihren eigenen Geschichten darüber, wie und warum sie ihr eigenes Unternehmen gründeten und wie toll sie es fanden, dass behinderte Unternehmer im Programm von BBC thematisiert wurden. Die Woche führte dazu, dass ich nach Downing Street eingeladen wurde, um einige der Probleme zu besprechen und was noch getan werden muss, um behinderte Menschen bei der Existenzgründung zu unterstützen. Ich denke, dass wenn wir mit unserer Berichterstattung auch nur eine Person dazu ermutigen konnten, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, dann war die Woche ein Erfolg. Ich würde auf jeden Fall mehr Themenvorschläge von Unternehmern mit Behinderungen begrüßen. Der ausschlaggebende Punkt besteht darin, einen Unternehmer als Unternehmer zu interviewen und nicht als eine Person mit Behinderungen. So sind wir in der Lage, Klischees abzubauen.

Sie sind ein ziemlich passionierter Twitter-Nutzer (@johnycassidy) – finden Sie es sinnvoll, auf diese Weise Geschichten zu sammeln oder Kontakte zu knüpfen oder ist Twitter für Sie eher ein persönliches Tool?

Es wäre unehrlich von mir zu behaupten, dass ich nicht ziemlich süchtig nach Twitter bin. Es ist das letzte, was ich mir vor dem Schlafengehen anschaue und die erste App, die ich morgens aufrufe. Ich benutze es für eine Mischung aus Arbeit und persönlichem Zeug. Die Art und Weise, wie es Menschen ermöglicht, sich zu vernetzen, finde ich faszinierend. Ich kann direkt mit CEOs von Unternehmen oder anderen Wirtschaftsjournalisten oder mit den Ureinwohnern Amerikas die an der Dakota-Ölpipeline bei Standing Rock demonstrierten oder jeder erdenklichen Person Kontakt aufnehmen, das ist einfach unglaublich. Es ist ein großartiges Tool um mögliche Gäste oder Mitwirkende zu erreichen. Ich pendele jeden Tag von der Südküste Englands nach London, sodass ich unterwegs bereits lesen kann, was los ist, bevor ich das Büro erreiche. Viele News sind bereits auf Twitter, bevor sie es in die Medien schaffen. Ich habe so auch viele Kontakte aufgebaut. Einige darunter betrachte ich jetzt sogar als Freunde ohne sie jemals getroffen zu haben. Es ist an sich ein seltsames Konzept, wenn man es so sieht. Es ist interessant zu sehen, wie der Journalismus sich entwickelt hat und welche Werkzeuge wir jetzt für unsere Arbeit nutzen. Twitter erlaubt es uns, Menschen innerhalb von Minuten zu finden und mit ihnen direkt Kontakt aufzunehmen, ein Prozess, der früher vielleicht Tage oder Wochen gedauert hätte. Social Media ist ein großer Teil dessen, was wir jetzt tun, nicht nur für die Recherche oder das Knüpfen von Kontakten, sondern auch für den Austausch und das Teilen von Inhalten. Ich benutze den InsideTrack Hashtag, um die Chefs anzusagen, die wir bei Business Live vorstellen. Es ist ein guter Weg, um das Programm weithin bekannter zu machen und um wiederum Menschen zu erreichen, die über traditionelle Medien nicht mehr erreichbar sind.

Was ist das erste, das Sie tun, wenn Sie sich morgens an Ihren Schreibtisch setzen?

Während ich meinen Computer hochfahre, schaue ich mir Business Live auf unserem internen TV-Kanal an. Ich möchte immer sehen, wie der Inside Track Gast im Interview war. Es ist interessant zu sehen, wie sich manche Leute verändern, sobald sie vor der Kamera sind. Selbst ein überzeugter Geschäftsführer, der ein globales Unternehmen betreibt, könnte in einem Live-TV-Interview Lampenfieber bekommen. Es läuft in den meisten Fällen aber gut. Ich bitte jeden Gast immer etwas früher ins Studio zu kommen, damit sie vor der Sendung noch etwas mit den Moderatoren reden können. Auf diese Weise kann hoffentlich irgendwelches Lampenfieber abgebaut werden. Sobald die Sending beendet ist, schaue ich mir an, was für den Tag noch ansteht. Neben der Betreuung der Inside Track Sendung auf Business Live habe ich auch eine breitere Planungsrolle. Die Planungsabteilung ist die erste Anlaufstelle für viele der inländischen und globalen Sender der BBC, also ist es wichtig, dass ich weiß, was in meinem Kalender für die nächsten paar Tage ansteht. Anschließend werden Treffen abgehalten, in denen wir alles Geplante, eingeplante Gäste sowie irgendwelche bevorstehenden Außenübertragungen besprechen können. Ich werde auch unweigerlich am Ende mit vielen PR-Leuten sprechen, die Geschichten vorschlagen, die für mich nicht wirklich relevant sind. Das ist Teil des Jobs, finde ich.

 

Dieses Interview wurde aus dem Englischen übersetzt. Das englischsprachige Original finden Sie hier: http://www.responsesource.com/bulletin/interviews/journalist-interview-johny-cassidy-bbc-business-unit/

Vorige Sendungen von Business Live können im BBC iPlayer angeschaut werden (nicht in allen Ländern erhältlich): www.bbc.co.uk/iplayer/episodes/b05y1cgd 

Wenn Sie eine Idee für einen Beitrag haben, die Johny interessieren könnte, seine bevorzugte Kontaktmethode ist Twitter @johnycassidy.

Kategorie: Journalismus | Recherche, Journalisten-Interviews | Datum: | Autor:

Über Stephanie Hauer

Stephanie Hauer ist seit Oktober 2012 bei ResponseSource tätig und unterstützt das DACH-Team als Marketing Executive auf freischaffender Basis. Nach ihrem Studium in Soziologie und Philosophie an der University of Glasgow und einem Masters in Marketing, hat sie berufliche Erfahrungen im Verlagswesen, Business Development, sowie Marketing und Social Media gesammelt. In ihrer Freizeit fasziniert sie sich für Sprachen (sie lernt gerade Koreanisch) und Fotografie.

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