Neulich in der Saatchi Gallery: The Times Newseum

In der Saatchi Gallery in London ist momentan das The Times Newseum zu sehen. Ausstellungsgegenstände aus den Archiven der Times zeigen, wie sich die Berichterstattung in den letzten 230 Jahren entwickelt hat. Unser Praktikant Hannes Föst hat die Ausstellung für ResponseSource besucht und berichtet darüber in seinem Blogpost.

The Times berichtet seit fast 230 Jahren über Themen aus aller Welt, also meinte man wohl, es sei an der – entschuldigt bitte das ungewollte Wortspiel – Zeit, einen kleinen Rückblick zu wagen. Also wurde im Rahmen des Literaturfestivals in Cheltenham im Oktober 2013 das The Times Newseum in’s Leben gerufen: eine Ausstellung mit ausgewählten Exponaten aus dem Archiv der Times. So gastierte die Ausstellung bereits in Manchester und Bristol und ist zum letzten Mal in der Saatchi Gallery in London zu sehen, die ich neulich besuchte.

Read all about it!

Vorbei an farbintensiven Gemälden und raumfüllenden Ameisen-Installationen betrat ich einen einzelnen Raum, an dessen Eingang man zunächst von einem Stapel – na, was wohl? Richtig! Zeitungen begrüßt wurde. Read all about it! stand da. In sehr großen Lettern.

Also erst einmal lesen, worum es überhaupt geht: Die Ausstellung legte besonderen Fokus auf die Möglichkeiten und auch Schwierigkeiten der Nachrichtenübermittlung von den Anfängen der Times in 1785 bis heute. Unter verschiedenen Schwerpunkten wie „The news is abroad“, „…is censored“ oder „…is exclusive“ wurden vergilbte und teilweise unleserliche Original-Dokumente von Times-Korrespondenten aus den Archiven gekramt und neben Fotos, Zeichnungen und Schreibausrüstung schlicht und übersichtlich präsentiert. Pfiffig gestaltete kurze Zeichentrickfilme fassten das Gelesene auf unterhaltsame Weise zusammen.

Zensiertes Dokument von Arthur Moore,
datiert auf den 29. August 1914

Dass es in der Ära der Brieftaube nicht immer einfach war, Nachrichten sicher in die Redaktion zu bekommen, zeigt beispielhaft die Geschichte von Colonel Lionel James. Er berichtete als Auslandskorrespondent im Burenkrieg und wurde 1899 in Ladysmith gefangen genommen. Der Läufer, der ihm für die Kommunikation nach außen eine Kiste mit Brieftauben bringen sollte, wurde allerdings von den Buren abgefangen. Diese sandten eine bissige Nachricht per Heliograph nach Ladysmith: „Danke dem The Times-Korrespondenten für eine Kiste mit schönen fetten Tauben.“
Manchmal wurden die Korrespondenten sehr kreativ, wenn es darum ging, Nachrichten nach London zu senden. So erfuhr ich, dass Begleiter der ersten Mount-Everest-Expedition einen Code entwickelten, in dem z. B. „Norden“ mit „Zahnarzt“ oder „Zigarren“ übersetzt werden sollte. In einem anderen Fall wurde ein Komponist beauftragt, eine Nachricht in Notenschrift zu verschlüsseln. Was damit passierte wissen wir nicht, denn der Text hat die Redaktion nie erreicht.

Kriegsreportage und Times New Roman

Großartig waren auch die verschieden Kurzfilme, die zu den The Unquiet Film Series gehören, welche sogar kostenlos im Internet verfügbar sind. Sehr empfehlenswert!

In einem der Videos spricht Christina Lamb über ihre Arbeit als Auslands- korrespondentin für die Sunday Times. Sie erzählt auf sehr eindrückliche Weise von ihren Erfahrungen in Kriegsgebieten und wie sie in einen lebensgefährlichen Schusswechsel geriet, jedoch immer weiter schreiben und berichten will. Was sie antreibt ist die Hoffnung, das Denken der Leser zu ändern und ihnen die Augen für das schwierige Leben in Krisengebieten zu öffnen.
Ein anderes Video beinhaltete ein Interview mit zwei Journalisten, die im Ausland gefangen wurden, glücklicherweise aber wieder befreit werden konnten. Ebenfalls Kriegsreporter. Die Faszination mit der Kriegsreportage scheint überhaupt ein wichtiges Thema in Großbritannien zu sein. Im selben Video noch wurde davon gesprochen, „wir“ – alias The Times – hätten die komplette Kriegskorrespondenz erfunden („We invented the whole war correspondence.“). Vielleicht etwas hoch gegriffen? Dies würde allerdings erklären, warum ich im Newseum kaum etwas über nationale Themen erfuhr.
Um die Stimmung aufzulockern gab es jedoch eine wunderbare kurze Reportage über die Schriftart Times New Roman, welche 1931 erfunden wurde. Die einen lieben sie und finden sie sei seriös, durch und durch britisch, würde nicht prahlen und gelte gar als Meilenstein der Schriftarten. Die anderen hassen sie, weil sie schlicht und ergreifend eines ist: langweilig.

Das „Newseum“: historische Schreibmaschinen treffen auf moderne Smartphones

The tools of the trade

Am Ende der Ausstellung staunte ich über eine Vielzahl an Geräten, als „tools of the trade“ bezeichnet, die für die Berichterstattung unerlässlich sind – oder waren. Alte Schreibmaschinen, Mobiltelefone, Erste-Hilfe-Kästen und Diktiergeräte gut sichtbar und geordnet an die Wand geheftet. Auf dem iPad direkt daneben konnte man praktischerweise entsprechende Beschreibungen zu den Ausstellungsgegenständen nachschlagen. Diese Informationen sind auch hier verfügbar.

Schließlich packte ich mir noch alle Inhalte der interessanten und unterhaltsamen Ausstellung in die Tasche – als Zeitung natürlich – und ließ mir das Times-Titelblatt vom Tag meiner Geburt ausdrucken. Erstaunlicherweise mit Berichten über Schinken, Cricket und Margaret Thatcher – ohne Kriegsreportage.

Hannes studiert Anglistik/Amerikanistik mit den Nebenfächern Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Dresden.

Fotos von Hannes Föst

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